Im Lehrbuch steht meistens: buen provecho = Guten Appetit. Das ist nicht falsch, im Alltag benutzt man es genau so.
Aber wenn du dir das Wort genauer anschaust, merkst du: Es gibt einen deutschen Ausdruck, der noch viel besser passt.
Was sagt dein Opa, wenn er sein Glas hebt oder dir den Teller hinstellt? Vielleicht: „Wohl bekomm’s!“
Genau da wollen wir hin. Aber erst schauen wir uns an, was provecho eigentlich bedeutet, klar?
- 1 Was provecho wirklich bedeutet: Nutzen, nicht Appetit
- 2 Der bessere deutsche Partner: „Wohl bekomm’s!“
- 3 Die Grammatik-Überraschung: ¡Que aproveche! und „Wohl bekomm’s“ sind gleich gebaut
- 4 Welche Form wann? Die drei Varianten
- 5 Die Antwort: „Gracias, igualmente“
- 6 „Mahlzeit!“ auf Mexikanisch: ¡Provecho! auch für Fremde
- 7 Zwei typische Fehler von Deutschsprachigen
- 8 Bonus: provecho in Argentinien
- 9 Zusammenfassung: buen provecho
Was provecho wirklich bedeutet: Nutzen, nicht Appetit
„provecho“ (Aussprache: pro-BE-tscho, männlich) bedeutet „Nutzen, Vorteil, Gewinn“. Das Wort stammt vom lateinischen profectus ab. Die Real Academia Española (RAE) definiert es als „Beneficio o utilidad que se consigue o se origina de algo“, also den Nutzen, den man aus etwas zieht.
Außerhalb des Esstisches taucht provecho deshalb in ganz unkulinarischen Sätzen auf:
【provecho ohne Essen】
・sacar provecho de algo
(aus etwas Nutzen ziehen)
・una persona de provecho
(ein nützlicher, anständiger Mensch)※Bedeutungen nach RAE und SpanishDict
Haha, stimmt, wörtlich schon! Aber gemeint ist: „Möge dir das Essen guttun.“
Die RAE beschreibt buen provecho genau so: als Wunsch, dass etwas der Gesundheit oder dem Wohlbefinden einer Person nützt, meistens an jemanden gerichtet, der gerade isst oder trinkt.
„Guten Appetit“ wünscht dir dagegen Hunger und Lust aufs Essen. Das ist ein ganz anderer Blickwinkel.
Der bessere deutsche Partner: „Wohl bekomm’s!“
Schau dir das Verb in „Wohl bekomm’s“ an. Gemeint ist hier nicht „etwas bekommen“ wie ein Paket, sondern die alte Bedeutung, die du aus „Das ist mir gut bekommen“ kennst. Das DWDS erklärt diese Bedeutung so: „jmdm. bekommt etw. gut, schlecht“ = „jmdm. bringt etw. Nutzen, Schaden“.
Drei Wünsche, drei Blickwinkel
Guten Appetit!
⇒ Ich wünsche dir Lust aufs Essen. (Blick auf den Hunger)
Wohl bekomm’s!
⇒ Möge es dir Nutzen bringen, dir guttun. (Blick auf die Wirkung)
¡Buen provecho!
⇒ Guten Nutzen (aus dem Essen)! (Blick auf die Wirkung)
buen provecho und Wohl bekomm’s schauen in dieselbe Richtung.
Da hast du recht, heute hört man es oft beim Trinken. Das DWDS nennt es aber allgemein eine Wunschformel vor dem Genuss von Speisen bzw. Getränken. Es passt also zu beidem.
Für den Alltag heißt das: Übersetzen darfst du buen provecho ruhig mit „Guten Appetit“. Aber verstehen tust du es am besten als „Wohl bekomm’s“.
Die Grammatik-Überraschung: ¡Que aproveche! und „Wohl bekomm’s“ sind gleich gebaut
Neben buen provecho gibt es eine zweite Form, die du vor allem in Spanien ständig hörst: ¡Que aproveche! Das Verb aprovechar gehört zur selben Familie wie provecho.
Sehr gute Beobachtung! aproveche ist der Subjuntivo, die Möglichkeitsform. Mit que + Subjuntivo drückt Spanisch einen Wunsch aus.
Und jetzt schau dir „Wohl bekomm’s“ noch mal an. Ausgeschrieben heißt das „Wohl bekomme es (dir)“. Normal wäre „es bekommt“. bekomme ist Konjunktiv I, die deutsche Wunschform.
Beide Sprachen machen also dasselbe: Sie nehmen das Verb für „nützen, guttun“ und setzen es in die Wunschform.
Wunschform: Deutsch und Spanisch nebeneinander
es bekommt dir (normal) ⇒ es bekomme dir wohl! (Wunsch)
te aprovecha (normal) ⇒ ¡que te aproveche! (Wunsch)
Und das Subjekt ist in beiden Fällen das Essen, nicht die Person, die isst.
Dasselbe Muster kennst du aus „Gesegnete Mahlzeit“: Laut DWDS entstand es im 18. Jahrhundert aus „Gott segne die Mahlzeit“, wieder mit Konjunktiv I (segne statt segnet).
Welche Form wann? Die drei Varianten
„Guten Appetit“ auf Spanisch: die Varianten
¡Buen provecho!
⇒ die Standardform, in der ganzen spanischsprachigen Welt verstanden
¡Provecho!
⇒ die Kurzform, locker und schnell, in Mexiko besonders häufig
¡Que aproveche! / ¡Que te aproveche!
⇒ vor allem in Spanien sehr verbreitet (te = dir, an eine Person gerichtet)
Mit ¡Buen provecho! liegst du überall richtig. Wenn du nach Spanien fährst, wirst du aber ¡Que aproveche! vermutlich öfter hören als die Lehrbuchform.
Die Antwort: „Gracias, igualmente“
Wenn dir jemand ¡Buen provecho! wünscht, antwortest du genau wie auf Deutsch:
【Beispiel】
— ¡Buen provecho!
(Guten Appetit!)
— Gracias, igualmente.
(Danke, gleichfalls.)
Isst die andere Person gar nicht mit, reicht ein einfaches Gracias. Das ist wie im Deutschen: Der Kellner, der dir „Guten Appetit“ wünscht, bekommt auch kein „gleichfalls“.
„Mahlzeit!“ auf Mexikanisch: ¡Provecho! auch für Fremde
Jetzt eine Gewohnheit, die viele Reisende in Mexiko überrascht. Aber dich vielleicht weniger, wenn du schon mal in einem deutschen Büro gearbeitet hast.
Was sagt man bei uns mittags auf dem Flur?
Genau. Duden beschreibt „Mahlzeit!“ als Gruß in der Mittagszeit, besonders zwischen Arbeitskollegen. Du wünschst also Leuten etwas zum Essen, mit denen du gar nicht am Tisch sitzt.
In Mexiko gibt es etwas Ähnliches: Man sagt ¡Provecho! zu Leuten, die man essen sieht, auch zu völlig Fremden. Zum Beispiel, wenn man im Restaurant an einem Tisch vorbeigeht oder beim Gehen das Lokal verlässt.
Mahlzeit und ¡Provecho! im Vergleich
Mahlzeit! (Deutschland)
⇒ Gruß zur Mittagszeit, vor allem unter Kollegen, auch ohne gemeinsames Essen
¡Provecho! (Mexiko)
⇒ Wunsch an Leute, die gerade essen, auch an Fremde im Restaurant
Gemeinsam: Der Essenswunsch gehört nicht nur der eigenen Tischrunde.
Unterschied: „Mahlzeit“ ist eher ein Gruß an der Uhrzeit, ¡Provecho! hängt daran, dass jemand wirklich isst.
Nein, ganz entspannt: Ein kurzes Gracias oder Gracias, igualmente mit einem Lächeln reicht völlig.
Und wenn du selbst mal vergisst, ¡Provecho! zu sagen, ist das auch keine Katastrophe. Es ist eine freundliche Geste, keine Pflicht.
Zwei typische Fehler von Deutschsprachigen
Fehler 1: × bueno provecho
bueno verliert vor einem männlichen Substantiv im Singular sein -o. Deshalb heißt es buen provecho, genau wie buen día (guten Tag) oder buen viaje (gute Reise).
Nein, da bleibt alles ganz: buena suerte (viel Glück). Nur das männliche bueno verkürzt sich, und zwar nur, wenn es vor dem Substantiv steht.
Ein bisschen wie bei uns „ein guter Tag“ gegenüber „der Tag war gut“. Die Form hängt auch davon ab, wo das Adjektiv steht, klar?
Fehler 2: × De nada als Antwort
De nada heißt „Gern geschehen“ und antwortet auf ein Danke. Auf den Wunsch ¡Buen provecho! passt es nicht, du würdest auf „Guten Appetit“ ja auch nicht mit „Bitte schön“ antworten. Richtig ist Gracias oder Gracias, igualmente.
Bonus: provecho in Argentinien
Zusammenfassung: buen provecho
⇒ Übersetzung im Alltag: „Guten Appetit“, Bedeutung eher: „Wohl bekomm’s“
● ¡Que aproveche! (v. a. Spanien) steht im Subjuntivo, so wie bekomme in „Wohl bekomm’s“ im Konjunktiv I: beides sind Wunschformen, und das Subjekt ist das Essen
● ¡Provecho! ist die lockere Kurzform, in Mexiko sagt man es auch zu Fremden, die gerade essen, ähnlich offen wie das deutsche „Mahlzeit!“ unter Kollegen
● Antwort: Gracias, igualmente (= Danke, gleichfalls) oder einfach Gracias
● Fehler: × bueno provecho (richtig: buen) und × De nada als Antwort
Spanische Ausdrücke beim Essen: Guten Appetit, lecker und Co. – vom Heißhunger bis zur sobremesa
Real Academia Española, Diccionario de la lengua española (2001): provecho
SpanishDict: provecho、que aproveche
DWDS: bekommen、wohl bekomm’s!、Mahlzeit
Duden: Mahlzeit
Speak Better Spanish: Mexican Customs That Surprise Foreigners
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