Sushi-Vokabular erklärt: Die japanischen Wörter, die auf jeder Sushi-Karte stehen

Kodak
Heute geht’s um Sushi-Vokabular!

Schau mal: Du sagst wahrscheinlich jede Woche irgendein japanisches Wort, ohne es zu merken. Sushi, Wasabi, Nigiri, Maki – das sind alles japanische Wörter, die längst im Deutschen angekommen sind.

Nur: fast alle bedeuten auf Japanisch etwas anderes, als du denkst. Und genau das machen wir heute klar!

Moment mal. Sushi heißt doch einfach Sushi, oder? Das ist doch kein Wort, das man übersetzen kann.
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Doch, kann man! Und die Übersetzung ist ziemlich überraschend.

Sushi heißt wörtlich ungefähr „sauer“. Nicht „roher Fisch“. Nicht „Reisröllchen“. Einfach: sauer.

Sushi heißt nicht „roher Fisch“ – es heißt „sauer“

Fangen wir ganz vorne an, denn hier liegt das größte Missverständnis überhaupt.

In Deutschland ist Sushi praktisch ein Synonym für „rohen Fisch“ geworden. Wer keinen rohen Fisch mag, sagt: „Ich mag kein Sushi.“ Wer schwanger ist, hört: „Kein Sushi.“ Und im Supermarkt liegt die Sushi-Box neben dem Räucherlachs.

Auf Japanisch bezeichnet 寿司 (sushi) aber nicht den Fisch, sondern den Reis. Genauer gesagt: gesäuerten Reis – Reis, der mit Essig, Zucker und Salz gewürzt wurde.

Das Wort kommt von einer alten japanischen Adjektivform von sui (酸い), „sauer sein“. Die veraltete Endform davon lautet sushi (酸し) – „es ist sauer“.

Ach so, also ist der Reis das Wichtige und nicht der Fisch? Das dreht ja alles um.
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Genau das dreht es um! Und daraus folgen zwei Sätze, die sich erst mal seltsam anhören, aber beide stimmen:

Sashimi ist kein Sushi – da ist ja kein Reis dabei.
Inari und Kappa-Maki sind Sushi – obwohl überhaupt kein Fisch drin ist.

Der Grund für diese Definition ist historisch. Ursprünglich war Sushi nämlich gar kein schnelles Essen, sondern eine Konservierungsmethode. Bei der alten Form nare-zushi wurde Fisch monatelang in Reis eingelegt und vergoren. Der Reis diente dabei nur als Konservierungsmittel und wurde meist weggeworfen – gegessen wurde der Fisch.

In der Edo-Zeit (1603–1868) kam dann jemand auf die entscheidende Idee: Statt monatelang auf die Gärung zu warten, mischt man dem Reis einfach Essig unter. Der Reis schmeckt sofort sauer, und man kann Reis und Fisch zusammen essen. Diese schnelle Variante heißt haya-zushi – „schnelles Sushi“.

Die Definition in einem Satz

Reis dabei → Sushi.
Kein Reis dabei → kein Sushi.

Ob roh, gegart, vegetarisch oder mit Ei: völlig egal. Der gesäuerte Reis entscheidet.

Die drei Schichten des Sushi-Vokabulars

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Jetzt kommt der Trick, mit dem du dir das ganze Vokabular ordnen kannst.

Die japanischen Wörter im Sushi-Laden liegen nämlich in drei Schichten übereinander – je nachdem, wie tief sie im Alltag angekommen sind. Wenn du die Schichten kennst, weißt du auch sofort, welche Wörter du selbst benutzen kannst und welche besser nicht, klar?

Die drei Schichten des Sushi-Vokabulars

Schicht 1 – Wörter, die jeder in Deutschland kennt: sushi, wasabi, sashimi, nigiri, maki
Schicht 2 – Wörter, die auf der Karte oder im Laden auftauchen: shari, neta, gari, temaki, inari
Schicht 3Fuchō: die Geheimsprache der Sushi-Köche: agari, murasaki, gyoku, namida

Schicht 1: Die Wörter, die du längst benutzt

Diese Wörter stehen in deutschen Wörterbüchern und auf jeder Speisekarte. Das Problem ist nicht, dass du sie nicht kennst – das Problem ist, dass sich bei der Reise nach Europa die Bedeutung leicht verschoben hat.

  • sushi (寿司) ⇒ gesäuerter Reis. In Deutschland oft fälschlich: „roher Fisch“.
  • sashimi (刺身) ⇒ roher Fisch ohne Reis. Wörtlich: „durchstochener Körper“.
  • nigiri (握り) ⇒ „das Gedrückte“, vom Verb nigiru = „mit der Hand drücken/greifen“.
  • maki (巻き) ⇒ „das Gerollte“, vom Verb maku = „rollen, wickeln“.
  • wasabi (山葵) ⇒ eine japanische Pflanze – nicht das, was hier meistens im Tütchen liegt.
Warte, nigiri und maki sind einfach Verben? Also „gedrückt“ und „gerollt“?
Kodak
Ganz genau! Japanische Essensnamen sind sehr oft einfach nüchterne Beschreibungen der Zubereitung.

nigiri-zushi = „gedrücktes Sushi“, maki-zushi = „gerolltes Sushi“, chirashi-zushi = „verstreutes Sushi“ (weil die Zutaten über den Reis gestreut werden).

Wenn du das einmal siehst, kannst du plötzlich halbe Speisekarten entziffern!

Schicht 2: Die Wörter, die im Laden auftauchen

Diese Schicht ist die interessanteste. Du siehst diese Wörter regelmäßig – auf der Karte, auf der Verpackung, im Running-Sushi-Laden –, aber kaum jemand kann sie erklären.

Die zwei Bauteile jedes Nigiri

shari (シャリ) ⇒ der gesäuerte Reis, also der Sockel
neta (ネタ) ⇒ der Belag obendrauf, meistens Fisch

Ein Nigiri ist nichts anderes als shari + neta, mit einem Hauch Wasabi dazwischen.

Beide Wörter haben eine hübsche Geschichte:

shari stammt aus dem Buddhismus. Das Sanskritwort śarīra bedeutet „Körper“, im Plural auch „sterbliche Überreste“; im Japanischen wurde daraus shari (舎利) für die Reliquien Buddhas. Die kleinen, weißen, glänzenden Reiskörner erinnerten die Leute an eben diese Reliquien – und so wurde aus dem religiösen Begriff das Wort für Sushi-Reis. Es gibt auch eine schlichtere Erklärungsvariante, nämlich das shari-shari-Geräusch beim Untermischen des Essigs.

neta ist noch trickreicher: Es ist das umgedrehte Wort tane (種), „Samen, Material, Stoff“. Solche Silbenumdrehungen waren in der Handwerker- und Händlersprache Edos beliebt. Übrigens sagt man auch außerhalb der Küche neta – zum Beispiel für den „Stoff“ eines Zeitungsartikels oder die Pointe eines Witzes.

Krass, ein Wort einfach rückwärts gesprochen. Das gibt’s bei uns ja auch – so wie „Jugendsprache verdreht“.
Kodak
Sehr guter Vergleich! Genau dieselbe Idee.

Und das führt uns direkt zur dritten Schicht – denn dort ist das Verdrehen und Verstecken von Wörtern das ganze Prinzip.

Schicht 3: Fuchō – die Geheimsprache der Sushi-Köche

Jetzt wird’s spannend. Sushi-Läden haben eine eigene Fachsprache, auf Japanisch fuchō (符牒) – also so etwas wie „Zunftjargon“ oder „Codewörter“.

Diese Wörter waren ursprünglich nicht für die Gäste gedacht, sondern für die Verständigung hinter dem Tresen. Genau deshalb sind sie so schön schräg:

agari (あがり) = grüner Tee
Kommt aus dem Vergnügungsviertel der Edo-Zeit. Mehr dazu gleich.

murasaki (紫) = Sojasauce
Murasaki heißt wörtlich „violett“ – nach der dunklen, ins Purpurne gehenden Farbe der Sauce.

gyoku (ぎょく/玉) = Omelett (tamago-yaki)
Dasselbe Schriftzeichen 玉 liest sich auch tama („Kugel, Juwel“) – die Köche benutzen einfach die andere Lesung.

namida (涙) = Wasabi
Wörtlich: „Tränen“. Weil einem beim Wasabi genau die kommen.

gari (ガリ) = eingelegter Ingwer
Nach dem Knirschgeräusch beim Kauen.

„Tränen“ für Wasabi ist echt gut. Aber sag mal – wenn ich das im Sushi-Laden benutze, wirke ich dann wie ein Profi?
Kodak
Gute Frage – und die Antwort ist: eher nicht.

In Japan gilt es als yabo (野暮) – also als plump, uncool, „bemüht“ –, wenn ein Gast die Zunftsprache des Personals benutzt. Es ist ungefähr so, als würdest du im Restaurant den Kellner nach dem „Couvert“ fragen oder in der Küchensprache bestellen.

Merk dir also: Diese Wörter sind zum Verstehen da, nicht zum Sagen.

Faustregel für Gäste
Schicht 1 und 2 kannst du bedenkenlos sagen.
Schicht 3 verstehst du – aber du bestellst normal. Also o-cha statt agari, shōyu statt murasaki.

Die vier Wörter, die wir uns genauer anschauen

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Vier Begriffe aus diesem Vokabular sind so ergiebig, dass sie jeweils einen eigenen Artikel verdient haben.

Hier gibt’s von mir jeweils die Kurzfassung – und dahinter wartet die lange Version, wenn du tiefer graben willst!

1. Wasabi – und warum Deutschland das schon lange im Kühlschrank hat

Wasabi (山葵) ist eine japanische Pflanze, Eutrema japonicum, die in kaltem, fließendem Quellwasser wächst und entsprechend teuer ist.

Was in deutschen Sushi-Läden im kleinen Tütchen liegt, ist dagegen fast immer etwas ganz anderes: grün eingefärbter Meerrettich, meist mit Senf gemischt. Und Meerrettich (Armoracia rusticana) ist ja nun wirklich kein exotisches Gewächs, sondern ein deutsches Traditionsgemüse – in Bayern und Österreich heißt er Kren.

Also esse ich zum Sushi im Grunde denselben Kren wie zum Tafelspitz? Das hab ich echt nie gecheckt.

Wasabi: Bedeutung, Herkunft und der Unterschied zu Meerrettich

2. Gari – der Ingwer, der nach seinem eigenen Geräusch heißt

Gari (ガリ) ist der süßsauer eingelegte Ingwer, der auf jedem Sushi-Teller liegt. Der Name ist eine Lautmalerei: gari-gari ist auf Japanisch das Geräusch von etwas Hartem, das man knirschend zerbeißt.

Und er ist kein Deko-Element: Gari ist ein Neutralisierer für den Gaumen zwischen zwei Fischsorten.

Gari: Bedeutung des eingelegten Ingwers beim Sushi

3. Agari – wenn Tee plötzlich „Aufstieg“ heißt

Agari (あがり) ist der grüne Tee im Sushi-Laden. Das Wort kommt vom Verb agaru („hinaufgehen, hereinkommen“) und stammt ursprünglich aus dem Vergnügungsviertel der Edo-Zeit, wo man ihn agari-bana nannte.

Der Grund ist Aberglaube: „Tee mahlen“ war dort eine Umschreibung für „keine Kundschaft haben“ – also ein Unwort. Man wich auf einen Ausdruck aus, der nach „Kundschaft kommt herein“ klang.

Agari: Warum der Tee im Sushi-Laden einen Geheimnamen hat

4. Nigiri vs. Sashimi – der Klassiker unter den Verwechslungen

Nigiri ist Fisch auf Reis. Sashimi ist Fisch ohne Reis. Damit ist Nigiri Sushi – und Sashimi eben nicht.

Das klingt banal, hat aber Folgen für die Bestellung, für die Sojasauce und sogar für die Reihenfolge im Menü.

Nigiri und Sashimi: Der Unterschied einfach erklärt

Running Sushi heißt auf Japanisch kaiten-zushi

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Noch ein Wort, das speziell für dich als Deutschsprachigen interessant ist: Running Sushi.

Das klingt englisch, ist aber im englischen Sprachraum kaum gebräuchlich – dort sagt man conveyor belt sushi. „Running Sushi“ ist im Grunde eine deutschsprachige Erfindung!

Das japanische Original heißt kaiten-zushi (回転寿司). Kaiten bedeutet „Rotation, Umdrehung“ – also wörtlich „sich drehendes Sushi“. Eine zweite japanische Bezeichnung ist mawari-zushi, „umlaufendes Sushi“.

In Deutschland ist dieses Format alles andere als exotisch: Das erste Kaiten-Sushi-Restaurant eröffnete bereits 1996 in Berlin, und spätestens seit den 2000ern gehören Laufband-Läden in praktisch jeder größeren Stadt zum Alltag. Abgerechnet wird meist nach Anzahl oder Farbe der Teller.

Ach so, also ist „Running Sushi“ gar kein japanisches Wort. Ich hätte gedacht, das steht so auch in Japan an der Tür.
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Nein, in Japan siehst du 回転寿司 an der Tür. Wenn du dort „Running Sushi“ sagst, guckt man dich freundlich an und versteht nichts.

Das ist übrigens ein super Beispiel für ein Scheinjapanisch – ein Wort, das aussieht, als käme es aus Japan, aber hier entstanden ist!

Fünf Wörter, die dich sofort weiterbringen

Zum Schluss noch ein kleiner Praxisteil. Diese Wörter stehen ständig auf Karten, und wenn du sie kennst, wird die Bestellung deutlich einfacher.

Nützliche Wörter von der Sushi-Karte

maguro (まぐろ) – Thunfisch
sake / shake (さけ) – Lachs (Achtung: dasselbe Schriftbild wie sake für Reiswein, aber anders betont)
tamago (たまご) – Ei, hier: das süßliche Omelett
kappa (かっぱ) – Gurke, benannt nach einem Wasserkobold, der angeblich Gurken liebt
inari (いなり) – süß eingelegte Tofutasche, gefüllt mit Reis

Und die zwei wichtigsten Sätze:
sabi-nuki (さび抜き) – „ohne Wasabi, bitte“
o-cha kudasai (お茶ください) – „Einen Tee, bitte“

Gurke heißt „Wasserkobold“? Also echt, langsam glaub ich, hinter jedem Sushi-Wort steckt eine Geschichte.
Kodak
Genau so ist es! Und das ist der eigentliche Punkt beim Sprachenlernen.

Vokabeln, die an einer Geschichte hängen, musst du nicht stur auswendig lernen – die bleiben von allein hängen.

Zusammenfassung: Sushi-Vokabular auf einen Blick

sushi = „sauer“ ⇒ gemeint ist der gesäuerte Reis, nicht der Fisch
Schicht 1 (allgemein bekannt): sushi, sashimi, nigiri, maki, wasabi
Schicht 2 (im Laden sichtbar): shari (Reis), neta (Belag), gari (Ingwer)
Schicht 3 (fuchō, Zunftsprache): agari (Tee), murasaki (Sojasauce), gyoku (Omelett), namida (Wasabi)
Wichtigste Regel für Gäste: Schicht 3 verstehen, aber nicht selbst benutzen – das gilt als yabo, also unelegant.
Running Sushi heißt in Japan kaiten-zushi (回転寿司), „sich drehendes Sushi“.
Kodak
Schau mal, was du jetzt kannst: Du weißt, warum Sashimi kein Sushi ist, was auf deinem Teller wirklich liegt und welche Wörter hinter dem Tresen bleiben sollten.

Nimm dir als Nächstes die vier Einzelartikel vor – da geht’s richtig in die Tiefe, und du wirst sehen: Beim nächsten Sushi-Abend erklärst du den anderen, was Gari eigentlich heißt!

Quellen
„Sushi“ – English Wikipedia (https://en.wikipedia.org/wiki/Sushi)
„おすし屋さんの業界用語“ – nippon.com (https://www.nippon.com/ja/japan-data/h01735/)
„ガリ/がり“ – 語源由来辞典 (https://gogen-yurai.jp/gari/)
„上がり/あがり(お茶)“ – 語源由来辞典 (https://gogen-yurai.jp/agari-cha/)
„Kaiten-Zushi“ – Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiten-Zushi)
„Meerrettich“ – Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Meerrettich)