Wenn du diese drei in ein Wörterbuch tippst, kommt bei allen dreien irgendwie „Entschuldigung“ heraus. Kein Wunder, dass man sie durcheinanderwirft.
Aber keine Sorge: Es gibt einen Trick, mit dem du sie nie wieder verwechselst. Und der Trick heißt: Zeitachse.
- 1 Der schnellste Weg zum Unterschied: eine Zeitachse
- 2 lo siento: das Wort für Gefühle, nicht für Rempler
- 3 perdón: das Allzweckwort für den Alltag
- 4 disculpa: das Wort, das gar keine Entschuldigung ist
- 5 Der Drei-Fragen-Test für den Ernstfall
- 6 Übungssituationen: Wähle mit
- 7 Regionale Unterschiede: entspannt bleiben
- 8 Die drei Wörter im direkten Vergleich
- 9 Zusammenfassung
Der schnellste Weg zum Unterschied: eine Zeitachse
Die meisten Lernenden versuchen, die drei Wörter nach Höflichkeit zu sortieren – so, als wäre lo siento die höflichste und perdón die lockerste Variante.
Das ist der Grundfehler. Die drei stehen nicht auf einer Treppe von „locker“ nach „förmlich“. Sie stehen an verschiedenen Punkten auf einer Zeitachse.
Die Zeitachse der Entschuldigung
VORHER – es ist noch nichts passiert, ich kündige eine Störung an
→ disculpa / disculpe
GERADE EBEN – es ist etwas Kleines passiert, ich reagiere sofort
→ perdón
DANACH, MIT GEFÜHL – etwas ist passiert und es tut mir innerlich leid
→ lo siento
Genau das ist der Denkfehler, den fast alle mitbringen!
Höflichkeit wird im Spanischen nämlich an einer ganz anderen Stelle geregelt – nämlich über die Verbform, also tú gegen usted. Dazu kommen wir später noch.
Die Wahl zwischen den drei Wörtern hat damit nichts zu tun. Die hängt allein daran, was passiert ist, klar?
lo siento: das Wort für Gefühle, nicht für Rempler
Fangen wir mit dem Wort an, das am häufigsten falsch eingesetzt wird.
lo siento besteht aus zwei Teilen:
- lo – das Objektpronomen „es“
- siento – die Ich-Form von sentir
Und sentir bedeutet zuallererst fühlen, empfinden, spüren. Es geht auf lateinisch sentire zurück, aus derselben Wurzel wie unsere Fremdwörter sensibel oder Sensor. Erst in zweiter Linie hat es die Bedeutung bedauern entwickelt.
Wörtlich sagst du mit lo siento also: „Ich fühle es.“
Schau mal, wie viel Sinn plötzlich alles ergibt, wenn du die wörtliche Bedeutung kennst!
„Ich fühle es“ passt perfekt zu Beileid, zu Enttäuschung, zu einer Absage. Aber wenn du jemandem auf den Fuß trittst und sagst „ich fühle es“ – das ist einfach zu viel. Du bist ja nicht innerlich zerknirscht wegen eines Fußes.
Das deutsch-spanische Wörterbuch PONS übersetzt lo siento denn auch nicht mit „Entschuldigung“, sondern mit „das tut mir leid“. Und für die Steigerungen:
lo siento und seine Verstärkungen
· Lo siento. → Das tut mir leid.
· Lo siento mucho. → Es tut mir sehr leid.
· Lo siento de veras. → Das tut mir wirklich leid.
· Lo siento en el alma. → Ich bedaure es von ganzem Herzen.· Siento mucho tu pérdida.
(Dein Verlust tut mir sehr leid. – klassischer Beileidssatz)
Sehr aufmerksam – klasse Frage!
Das lo ist ja ein Platzhalter für „es“. Sobald du konkret sagst, was dir leidtut, brauchst du den Platzhalter nicht mehr. Dann steht die Sache selbst dort:
Lo siento. → Ich bedaure es.
Siento tu pérdida. → Ich bedaure deinen Verlust.
Ganz logisch, oder?
Wann lo siento passt – und wann nicht
PASST:
· Beileid: Lo siento mucho.
· Absage: Lo siento, no puedo ir. (Tut mir leid, ich kann nicht kommen.)
· Schlechte Nachricht überbringen: Lo siento, el vuelo está cancelado.
· Etwas, das dir wirklich naheging
PASST NICHT:
· Jemanden anrempeln → nimm perdón
· Jemanden ansprechen → nimm disculpe
· Etwas akustisch nicht verstehen → nimm ¿perdón?
· Am Tisch nach dem Salz greifen → nimm perdón
perdón: das Allzweckwort für den Alltag
perdón ist grammatisch etwas völlig anderes als lo siento. Es ist kein Satz, sondern ein Substantiv – es bedeutet wörtlich die Verzeihung, die Vergebung.
Es ist vom Verb perdonar abgeleitet, das über das Spätlateinische auf perdonare zurückgeht. Aus derselben Quelle stammen das französische pardon und unser deutsches Fremdwort Pardon.
Weil es ein Substantiv ist, steht es allein – genau wie das deutsche „Entschuldigung!“ oder „Verzeihung!“. Wiktionary führt es zusätzlich als eigene Interjektion, also als Ausruf.
PONS übersetzt ¡perdón! mit „Entschuldigung!“ und „Verzeihung!“ – und ¿perdón? mit „(wie) bitte?“.
Das ist ein hübsches Detail: Dasselbe Wort, zwei Funktionen – je nach Satzmelodie.
Fallende Stimme = Entschuldigung. Steigende Stimme = „Wie bitte?“. Genau wie im Deutschen bei „Entschuldigung.“ gegen „Entschuldigung?“, klar?
perdón im Alltag
· ¡Perdón! (du bist im Weg / hast angerempelt)
· ¿Perdón? (du hast etwas nicht verstanden)
· Perdón por el retraso. (Entschuldigung für die Verspätung.)
· Perdón, ¿me dejas pasar? (Entschuldigung, lässt du mich durch?)
· Le pidió perdón a su hermana. (Er bat seine Schwester um Verzeihung.)
· Con perdón (mit Verlaub / Verzeihung, darf ich)
Wenn du dir aus diesem ganzen Artikel nur ein Wort merken willst, dann bitte dieses hier.
perdón deckt so viele Alltagssituationen ab, dass du damit fast immer durchkommst. Es ist selten das beste Wort, aber fast nie das falsche – und das ist beim Sprechen viel wert!
disculpa: das Wort, das gar keine Entschuldigung ist
Und jetzt das Wort, bei dem die deutsche Übersetzung am meisten in die Irre führt.
disculpa ist die Befehlsform (Imperativ) des Verbs disculpar. Wörtlich heißt es also nicht „Entschuldigung“, sondern „Entschuldige!“ – eine Aufforderung an dein Gegenüber.
Wiktionary listet disculpa ausdrücklich als „second-person singular imperative“ von disculpar. Daneben gibt es auch das Substantiv la disculpa („die Entschuldigung, die Ausrede“), etwa in pedir disculpas („sich entschuldigen“).
Klingt so, ist aber genau wie im Deutschen!
Denk mal an „Entschuldige mal, hast du kurz Zeit?“ – das ist grammatisch auch ein Befehl, und trotzdem völlig freundlich.
Der Imperativ ist hier keine Anmaßung, sondern eine Höflichkeitsformel. Du erkennst deinem Gegenüber damit das Recht zu, über deine Störung zu entscheiden.
Und daraus folgt die entscheidende Eigenschaft von disculpa:
Es steht meistens VOR der Störung, nicht danach.
disculpa als Ankündigung
· Disculpa, ¿tienes un boli?
(Entschuldige, hast du einen Kuli?)· Disculpa que te moleste, pero…
(Entschuldige die Störung, aber…)· Discúlpame por no haberte escrito.
(Entschuldige, dass ich dir nicht geschrieben habe.)
disculpa oder disculpe? Ein Buchstabe entscheidet
Wenn du diese Form benutzt, musst du dich zusätzlich für eine Anredeform entscheiden:
disculpa → für tú (du) – Freunde, Gleichaltrige, lockere Lage
disculpe → für usted (Höflichkeitsform) – Fremde, Ämter, Geschäfte
Dasselbe Muster gilt bei perdonar:
perdona → du-Form / perdone → Höflichkeitsform
Für dich als Deutschsprachige ist das eigentlich ein Heimspiel: Du triffst diese Entscheidung im Deutschen jeden Tag.
Der einzige Unterschied: Im Deutschen wechselst du das Pronomen, im Spanischen wechselst du die Endung des Verbs. Das Pronomen lässt man dort nämlich meistens weg.
Wie das im Detail funktioniert, ist ein eigenes Thema – und ehrlich gesagt eines, bei dem sich viele unnötig verheddern.
Der Drei-Fragen-Test für den Ernstfall
Theorie ist schön. Aber im Gespräch hast du keine Zeit für Zeitachsen. Deshalb hier ein Test, den du in einer Sekunde durchlaufen kannst.
Frage 1: Ist überhaupt schon etwas passiert?
NEIN → disculpa / disculpe (du willst nur ansprechen oder bitten)
JA → weiter zu Frage 2
Frage 2: Würde ich auf Deutsch „Das tut mir leid“ sagen?
JA → lo siento
NEIN → weiter zu Frage 3
Frage 3: War es eine Kleinigkeit, die sofort vorbei ist?
JA → perdón
NEIN, es war ernst → perdóname
Genau darum geht’s! Dein deutsches Sprachgefühl ist hier ein zuverlässiges Messgerät, weil das Deutsche dieselbe Grenze zieht.
Das Wörterbuch DWDS unterscheidet ja auch klar zwischen „Entschuldigung“ als Höflichkeitsformel, mit der man Aufmerksamkeit erbittet, und „tut mir leid“ als Ausdruck von echtem Bedauern.
Diese Grenze läuft im Spanischen an genau derselben Stelle. Du musst sie nur auf neue Wörter umlegen, klar?
Übungssituationen: Wähle mit
Geh die folgenden Fälle einmal durch und entscheide selbst, bevor du weiterliest.
Zehn Situationen, zehn Lösungen
1. Du drängst dich in der U-Bahn zur Tür → ¡Perdón!
2. Du fragst eine ältere Dame nach dem Weg → Disculpe, ¿…?
3. Du fragst deinen Mitbewohner etwas → Disculpa, ¿…?
4. Der Hund einer Freundin ist gestorben → Lo siento mucho.
5. Du hast den Namen nicht verstanden → ¿Perdón?
6. Du sagst die Verabredung ab → Lo siento, no puedo.
7. Du hast das falsche Datum genannt → Perdón, quise decir el martes.
8. Du hast einen Streit angezettelt → Perdóname.
9. Du willst im Restaurant bestellen → Disculpe, por favor.
10. Du niest jemandem beinahe ins Gesicht → ¡Perdón!
Perfekt selbst korrigiert – genau so funktioniert der Test!
Ein Versprecher ist eine Kleinigkeit, die sofort vorbei ist. Dafür brauchst du kein Gefühl, sondern nur ein kurzes perdón.
Regionale Unterschiede: entspannt bleiben
Eine Frage, die immer kommt: Gilt das alles in Spanien genauso wie in Lateinamerika?
Die kurze Antwort: Die Grundlogik gilt überall. Was sich unterscheidet, sind Häufigkeiten und Vorlieben. In manchen Ländern hörst du auffällig oft perdón, in anderen greift man schneller zu disculpe. Sprachlernportale wie Babbel weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Verwendung je nach Land leicht variiert.
Lass dich davon bitte nicht verunsichern!
Keins dieser Wörter ist irgendwo unbekannt oder unhöflich. Du wirst überall verstanden. Die Zeitachse funktioniert von Madrid bis Buenos Aires.
Und wenn du länger an einem Ort bist, übernimmst du die lokale Vorliebe ganz von selbst – einfach durchs Zuhören.
Die drei Wörter im direkten Vergleich
lo siento / perdón / disculpa auf einen Blick
lo siento ⇒ wörtlich „ich fühle es“ = Bedauern und Anteilnahme (deutsch: „Es tut mir leid“)
perdón ⇒ Substantiv „die Verzeihung“ = kurze Reaktion auf ein Missgeschick (deutsch: „Entschuldigung!“)
disculpa ⇒ Befehlsform „entschuldige!“ = Ankündigung vor der Störung (deutsch: „Entschuldige mal, …“)
Wunderbar zusammengefasst!
Und genau deshalb lohnt es sich, bei jedem neuen Ausdruck kurz nachzuschauen, was da wörtlich steht. Die Wörterbuchübersetzung „Entschuldigung“ verwischt drei völlig unterschiedliche Konstruktionen. Der Blick auf die Bauteile bringt sie zurück, klar?
Zusammenfassung
• disculpa / disculpe = vorher (Ansprechen, Bitten) – Befehlsform von disculpar
• perdón = unmittelbar danach (Kleinigkeit) – Substantiv, steht allein
• lo siento = danach mit Gefühl (Bedauern, Beileid) – wörtlich „ich fühle es“
• Testfrage Nummer eins: Würde ich auf Deutsch „Das tut mir leid“ sagen?
• Höflichkeit regelt Spanisch getrennt davon, über die Verbendung (-a für tú, -e für usted)
• Im Zweifel und unter Zeitdruck: perdón ist fast nie falsch
Diese drei Wörter sind nur ein Ausschnitt aus dem gesamten Entschuldigungs-System des Spanischen.
Den kompletten Überblick – inklusive der Antwortformeln und der schweren Fälle – findest du hier:
Entschuldigung auf Spanisch: lo siento, perdón und disculpa richtig verwenden
Wiktionary, Einträge „perdón“, „perdonar“, „disculpar“, „disculpa“, „sentir“ (https://en.wiktionary.org/)
PONS Online-Wörterbuch Spanisch-Deutsch, Einträge „lo siento“, „perdón“, „sentir“, „disculpar“ (https://de.pons.com/)
DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, Eintrag „Entschuldigung“ (https://www.dwds.de/)
Babbel, „Apology Guide: Different Ways to Say Sorry in Spanish“ (https://www.babbel.com/)